





Begrüßungs-Ansprache zur Baumpflanzung am 16. Oktober 2026
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Weggefährtinnen und Weggefährten in der Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit, lieber Jürgen Damm, Ehrenvorsitzender des Volksbundes in Hessen,
sehr geehrter Herr Stadtrat Merz, lieber Herr Schrimpf,
liebe Elena Padva vom SNZ für jüdisches Leben,
liebe Frau Dr. Lilienthal,
liebe Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und des Vereins GVFD,
ich danke Ihnen, dass Sie mich heute bei dieser Baumpflanzung hier am Ginkgo-Hain begleiten und heiße Sie alle herzlich willkommen.
Seit 2013, als auf Anregung von Oberst a.D. Jürgen Damm mit der Anlage dieses lebendigen Gedenkortes begonnen wurde, sind inzwischen über 40 Ginkgo-Bäume gepflanzt worden, die von zahlreichen Baumpaten der Erinnerung an verschiedene Persönlichkeiten gewidmet wurden.
Der Ginkgo-Baum wurde aus besonderem Grund ausgewählt: Diese seit über 250 Millionen Jahren existierende Baumart gilt heute weltweit als Symbol für den Frieden. Nach dem Abwurf der Atombombe in Hiroshima 1945 soll inmitten der totalen Zerstörung als erste Pflanze ein Ginkgo wieder neu ergrünt sein. Deshalb steht er als Mahnung für den Frieden, als besonderes Zeichen für Überlebenskraft und Neubeginn.
Die zweigeteilten Blätter gelten als Sinnbild für Harmonie und als Brücke zwischen Gegensätzlichkeiten im Zusammenleben von Menschen in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Und im Bestreben, Brücken zu bauen, begannen meine Frau Brigitte und ich vor über 30 Jahren im ehrenamtlichen Einsatz unseren persönlichen Beitrag gegen das damalige Verdrängen und Vertuschen, gegen Judenfeindlichkeit, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und alle Arten von Extremismus zu leisten. Und auf diesem Weg ergab sich auch schon bald eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Esther Haß von der Jüdischen Gemeinde, die sich im Lauf der Zeit weiterentwickelte zu einer sehr persönlichen Freundschaft. Uns verband in vielen Bereichen eine besondere Einigkeit bei allem, was wir unternommen haben, zum Beispiel die Einsicht, dass große Worte, die nicht zu Taten werden, wenig wert sind. Dieser Leitfaden hat uns auf viele neue Wege geführt. Wege, auf denen wir oft mehr Gegenwind als Rückenwind erfahren mussten. Auch dies erlebten wir gemeinsam mit Esther.

Aber vor allem haben uns die Wege zu wunderbaren Menschen in aller Welt geführt, die wir auf unserer Suche nach Überlebenden der Shoa gesucht, gefunden und zu uns eingeladen haben, von denen wir so unendlich viel gelernt haben und die unser Leben bereichert haben. Nach anfänglichen Berührungsängsten auf beiden Seiten entstanden tiefe, vertrauensvolle Freundschaften mit Menschen, die oft nur durch glückliche Umstände der Ermordung durch die nationalsozialistischen Verbrecher entkommen konnten.
Als wir in den 1990er Jahren zum ersten Mal eine Gruppe Jüdischer Gäste bei uns in Volkmarsen begrüßen konnten, begann ich meine Ansprache mit den Worten: „Die ungeheuerlichen Verbrechen während der national- sozialistischen Gewaltherrschaft haben tiefe Gräben gerissen zwischen den jüdischen und den nicht jüdischen Menschen in Deutschland. Wir können diese Gräben nicht zuschütten, wir sollten dies auch nicht tun, denn die Opfer dürfen nicht vergessen werden und auch die Verbrechen nicht. Aber wir müssen versuchen, Brücken zu bauen, um damit die Gräben der Vergangenheit zu überwinden. Viele Brücken, die uns auf dem langen Weg des besseren Kennenlernens und Verstehens, auf dem Weg der gegenseitigen Achtung und endlich auf dem Weg der Versöhnung zur freundschaftlichen Zusammenarbeit führen.
Dass aus der damals ausgesprochenen Hoffnung Wirklichkeit wurde, ist in meinem Umfeld in besonderem Maße den beiden Frauen zu verdanken, an die wir heute mit der Baumpflanzung dauerhaft erinnern wollen. Esther Haß hat uns mit der Weitergabe ihres Wissens über das Judentum sehr geholfen und auch zum Aufbau von Vertrauen beigetragen, weil wir mit unseren Gästen immer bei ihr in der Synagoge willkommen waren. In der Synagoge, deren Neubau wahrscheinlich ohne ihren couragierten Einsatz nicht hätte verwirklich werden können.
Der unermüdlichen, jahrzehntelangen Arbeit von Brigitte verdanken wir neben ihren nachhaltig wirkenden Leistungen als Co-Autorin mehrere Bücher und ihren Aktivitäten im Verein Gegen Vergessen-Für Demokratie, dass die finanzielle Basis für die mehrfach durchgeführten Begegnungswochen geschaffen werden konnte und die aufgebaute Verbundenheit mit den jüdischen Familien, die früher in unsere Region zuhause waren, sich bis heute fortgesetzt hat in die Kinder- und Enkelgeneration.
Einige Auszüge aus den Gästebüchern zeigen auf, wie nachhaltig ihre ehrenamtliche Arbeit auf unsere Gäste wirkte.
Ich zitiere:
„Wir kamen hierher mit großer Angst, nicht wissend, was wir erwarten sollten, aber schon am zweiten Tag unseres Besuchs wussten wir, dass alles in Ordnung sein würde. Danke, dass Sie die Erinnerung am Leben halten“ (Ise Lichtenstein, USA)
„Ihr habt gezeigt, dass Liebe über Hass triumphiert hat. Ihr habt gezeigt, dass Sensibilität den Schmerz der menschlichen Herzen heilen kann. Ihr habt uns ein äußerst kostbares Geschenk gemacht, das wir bis an unser Lebensende behalten werden“ In Liebe Rita Meyer, New York
„Liebe Freunde, über die unvorstellbare Schrecklichkeit der Nazizeit haben Sie Blumen gepflanzt. Diese Tage waren tief rührend. Alles mit Feingefühl, mit Geschmack und viel Wärme.
Eine Brücke ist gebaut! (Ronny Meyer, New York)
Der in Wolfhagen geborene Lutz Kann, der nach vielen Jahren in Israel wieder nach Deutschland kam und in Berlin lebte, schrieb im Jahr 1996:“ Ich möchte Ihnen nochmals unseren größten Respekt und Anerkennung aussprechen und vielen Dank für diesen Akt der Versöhnung. Als gebürtiger Wolfhager hat mir diese Woche nochmals bestätigt, dass ein Jude wieder in Deutschland leben kann“. Lutz Kann starb 2016 in Berlin. Ich fürchte, dass er die damals gemachte Aussage in dieser Form heute nicht mehr wiederholen könnte.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich bin dankbar dafür, dass ich nach den 2016 zur Erinnerung an den Widerstandskämpfer Albert Wesemeyer und 2019 an Herrn Dr. Walter Lübcke übernommenen Baumpatenschaften heute mit zwei neuen Bäumen an zwei Frauen erinnern kann, die mit ihrem gesellschaftspolitischen Einsatz in direkter Linie mit diesen aufrechten Demokraten standen. Für sie trifft auf ganz besondere Weise dieser Ausspruch von Albert Schweitzer zu:
Wahre Kraft mach keinen Lärm, sie ist einfach da und wirkt!“
Mit dem Blick auf die derzeitige Entwicklung in unserem Land schließe ich mit diesem Appell an uns alle:
Der bloße Wunsch nach einer Gesellschaft ohne Extremismus und Gewalt reicht nicht aus. Couragiertes Handeln ist notwendig:
Erinnern, wenn Andere vergessen,
hinschauen, wenn Andere wegsehen,
sich einmischen, wenn Andere schweigen,
eingreifen, wenn Andere sich wegdrehen,
unbequem sein, wenn Andere sich anpassen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Dank an alle, die sich an der Vorbereitung und Ausrichtung dieser Veranstaltung beteiligt haben, danke an die Spenderinnen und Spender, die mich bei der Finanzierung des Projekts unterstützt haben, danke für Ihre Teilnahme.
Zur Erinnerung an das Wirken von Brigitte Klein:
Geboren als Brigitte Weyer am 6.7.1944 in Volkmarsen.
Kindheit in Wehrda bei Marburg, ab 1950 in Wolfhagen
Realschulabschluss, Ausbildung zur Industriekauffrau, kfm. Angestellte
Ab 1963 Freundschaft mit Ernst Klein, Heirat am 24.9.1966 in Wolfhagen
Kinder: 1967 Sohn Jochen, 1973 Tochter Sandra
1969 mit großem Arbeitseinsatz gemeinsam mit Ernst Bau eines
Einfamilienhauses in Volkmarsen.
Ab 1974 gemeinsamer Schritt in die Selbstständigkeit mit einem
Bauelemente-Fachbetrieb. Erfolgreiche geschäftliche Entrwicklung, aber
auch viele schmerzhafte Rückschläge. 2010 Übergabe des Betriebs an Mitarbeiter.
Trotz ständiger starker Belastung im Beruf und als Hausfrau und Mutter
Jahrzehntelang ehrenamtlich tätig:
Viele Jahre als Kinderturnwartin, Jugendwartin und Vorstandsmitglied
im Turnverein 1890 Volkmarsen
Seit 1980 widmete sie sich mit großer Kraft und Energie der Erinnerungs-
und Versöhnungsarbeit mit den ehemals im Wolfhager und Waldecker
Land ansässigen Mitgliedern der in der NS-Zeit ausgelöschten jüdischen
Gemeinden.
Weltweite Suche nach Shoa-Überlebenden und deren in den USA, in Israel,
Australien und Argentinien lebenden Nachkommen.
Brückenbauerin zwischen Christen und Juden, Freundschaft mit Esther Haß
und vielen in alle Welt verstreuten jüdischen Familien.
Ständiger intensiver, erfolgreicher Einsatz zur Finanzierung der Begegnungs-
Wochen mit jüdischen Gästen und später zum Erwerb des historischen Hauses
mit der über 500 Jahre alten Mikwe (jüdisches Ritualbad) in Volkmarsen.
Betreuung der ausländischen Gäste und ab 2015 mehrere Jahre lang außerdem
engagiert in der Betreuung von Asylsuchenden, die in Volkmarsen untergebracht
worden waren. Aktiver Einsatz in der Regionalen Arbeitsgruppe Nordhessen
der Vereinigung „Gegen Vergessen-Für Demokratie e.V.“
Ständige Pflege der Kontakte mit den jüdischen Emigrantenfamilien mit großer
Herzlichkeit. Zusammen mit ihrem Mann zahlreiche Besuche in Israel, USA und
anderen Ländern.
Ihr Einsatz wurde mehrfach mit hohen Auszeichnungen gewürdigt:
– Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
– Ehrung mit dem „Obermayer-Award/German Jewish History-Award (USA),
gemeinsam mit ihrem Ehemann.
Weiterführung ihrer ehrenamtlichen Aktivitäten nach Überwindung lebensbedrohlicher
Krankheit (2009)
Immer bereit zur Unterstützung Bedürftiger, großes Herz für Hungernde und
Kranke in aller Welt (SOS-Kinderdörfer, Kinderkrebshilfe, Brot für die Welt, Blinden-
Mission und andere)
Ein besonderes Beispiel ihrer Hilfsbereitschaft: Auf Grund eines Hilferufs in den
Jahren 1999 bis 2003 ständige Unterstützung einer völlig verarmt in Tschechien lebenden
deutsch-jüdischen Holocaust-Überlebenden, Zahlung einer kleinen monatlichen
Rente mit eigenen Mitteln und durch Spendeneinwerbung im Freundeskreis, liebevolle
Korrespondenz, persönlicher Besuch.
Trotz Erkrankung bis zuletzt unermüdliche Unterstützerin der ehrenamtlichen Arbeit
Ihres Mannes, zum Beispiel bei der Erforschung und Dokumentation der Geschichte jüdischer Gemeinden, als Co-Autorin und Lektorin bei zahlreichen Publikationen.