Begrüßungs-Ansprache:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Weggefährtinnen und Weggefährten in der Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit, lieber Jürgen Damm, Ehrenvorsitzender des Volksbundes in Hessen,

sehr geehrter Herr Stadtrat Merz, lieber Herr Schrimpf,

liebe Elena Padva vom SNZ für jüdisches Leben,

liebe Frau Dr. Lilienthal,

liebe Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und des Vereins GVFD,

ich danke Ihnen, dass Sie mich heute bei dieser Baumpflanzung hier am Ginkgo-Hain begleiten und heiße Sie alle herzlich willkommen.

Seit 2013, als auf Anregung von Oberst a.D. Jürgen Damm mit der Anlage dieses lebendigen Gedenkortes begonnen wurde, sind inzwischen über 40 Ginkgo-Bäume gepflanzt worden, die von zahlreichen Baumpaten der Erinnerung an verschiedene Persönlichkeiten gewidmet wurden.

Der Ginkgo-Baum wurde aus besonderem Grund ausgewählt: Diese seit über 250 Millionen Jahren existierende Baumart gilt heute weltweit als Symbol für den Frieden. Nach dem Abwurf der Atombombe in Hiroshima 1945 soll inmitten der totalen Zerstörung als erste Pflanze ein Ginkgo wieder neu ergrünt sein. Deshalb steht er als Mahnung für den Frieden, als besonderes Zeichen für Überlebenskraft und Neubeginn.

Die zweigeteilten Blätter gelten als Sinnbild für Harmonie und als Brücke zwischen Gegensätzlichkeiten im Zusammenleben von Menschen in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Und im Bestreben, Brücken zu bauen, begannen meine Frau Brigitte und ich vor über 30 Jahren im ehrenamtlichen Einsatz unseren persönlichen Beitrag gegen das damalige Verdrängen und Vertuschen, gegen Judenfeindlichkeit, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und alle Arten von Extremismus zu leisten. Und auf diesem Weg ergab sich auch schon bald eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Esther Haß von der Jüdischen Gemeinde, die sich im Lauf der Zeit weiterentwickelte zu einer sehr persönlichen Freundschaft. Uns verband in vielen Bereichen eine besondere Einigkeit bei allem, was wir unternommen haben, zum Beispiel die Einsicht, dass große Worte, die nicht zu Taten werden, wenig wert sind. Dieser Leitfaden hat uns auf viele neue Wege geführt. Wege, auf denen wir oft mehr Gegenwind als Rückenwind erfahren mussten. Auch dies erlebten wir gemeinsam mit Esther.

Aber vor allem haben uns die Wege zu wunderbaren Menschen in aller Welt geführt, die wir auf unserer Suche nach Überlebenden der Shoa gesucht, gefunden und zu uns eingeladen haben, von denen wir so unendlich viel gelernt haben und die unser Leben bereichert haben. Nach anfänglichen Berührungsängsten auf beiden Seiten entstanden tiefe, vertrauensvolle Freundschaften mit Menschen, die oft nur durch glückliche Umstände der Ermordung durch die nationalsozialistischen Verbrecher entkommen konnten.

Als wir in den 1990er Jahren zum ersten Mal eine Gruppe Jüdischer Gäste bei uns in Volkmarsen begrüßen konnten, begann ich meine Ansprache mit den Worten: „Die ungeheuerlichen Verbrechen während der national- sozialistischen Gewaltherrschaft haben tiefe Gräben gerissen zwischen den jüdischen und den nicht jüdischen Menschen in Deutschland. Wir können diese Gräben nicht zuschütten, wir sollten dies auch nicht tun, denn die Opfer dürfen nicht vergessen werden und auch die Verbrechen nicht. Aber wir müssen versuchen, Brücken zu bauen, um damit die Gräben der Vergangenheit zu überwinden. Viele Brücken, die uns auf dem langen Weg des besseren Kennenlernens und Verstehens, auf dem Weg der gegenseitigen Achtung und endlich auf dem Weg der Versöhnung zur freundschaftlichen Zusammenarbeit führen.

Dass aus der damals ausgesprochenen Hoffnung Wirklichkeit wurde, ist in meinem Umfeld in besonderem Maße den beiden Frauen zu verdanken, an die wir heute mit der Baumpflanzung dauerhaft erinnern wollen. Esther Haß hat uns mit der Weitergabe ihres Wissens über das Judentum sehr geholfen und auch zum Aufbau von Vertrauen beigetragen, weil wir mit unseren Gästen immer bei ihr in der Synagoge willkommen waren. In der Synagoge, deren Neubau wahrscheinlich ohne ihren couragierten Einsatz nicht hätte verwirklich werden können.                                                                                                     

Der unermüdlichen, jahrzehntelangen Arbeit von Brigitte verdanken wir neben ihren nachhaltig wirkenden Leistungen als Co-Autorin mehrere Bücher und ihren Aktivitäten im Verein Gegen Vergessen-Für Demokratie, dass die finanzielle Basis für die mehrfach durchgeführten Begegnungswochen geschaffen werden konnte und die aufgebaute Verbundenheit mit den jüdischen Familien, die früher in unsere Region zuhause waren, sich bis heute fortgesetzt hat in die Kinder- und Enkelgeneration.

Einige Auszüge aus den Gästebüchern zeigen auf, wie nachhaltig ihre ehrenamtliche Arbeit auf unsere Gäste wirkte.

Ich zitiere:

„Wir kamen hierher mit großer Angst, nicht wissend, was wir erwarten sollten, aber schon am zweiten Tag unseres Besuchs wussten wir, dass alles in Ordnung sein würde. Danke, dass Sie die Erinnerung am Leben halten“ (Ise Lichtenstein, USA)

„Ihr habt gezeigt, dass Liebe über Hass triumphiert hat. Ihr habt gezeigt, dass Sensibilität den Schmerz der menschlichen Herzen heilen kann. Ihr habt uns ein äußerst kostbares Geschenk gemacht, das wir bis an unser Lebensende behalten werden“ In Liebe Rita Meyer, New York

„Liebe Freunde, über die unvorstellbare Schrecklichkeit der Nazizeit haben Sie Blumen gepflanzt. Diese Tage waren tief rührend. Alles mit Feingefühl, mit Geschmack und viel Wärme.

Eine Brücke ist gebaut! (Ronny Meyer, New York)

Der in Wolfhagen geborene Lutz Kann, der nach vielen Jahren in Israel wieder nach Deutschland kam und in Berlin lebte, schrieb im Jahr 1996:“ Ich möchte Ihnen nochmals unseren größten Respekt und Anerkennung aussprechen und vielen Dank für diesen Akt der Versöhnung. Als gebürtiger Wolfhager hat mir diese Woche nochmals bestätigt, dass ein Jude wieder in Deutschland leben kann“. Lutz Kann starb 2016 in Berlin. Ich fürchte, dass er die damals gemachte Aussage in dieser Form heute nicht mehr wiederholen könnte.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich bin dankbar dafür, dass ich nach den 2016 zur Erinnerung an den Widerstandskämpfer Albert Wesemeyer und 2019 an Herrn Dr. Walter Lübcke übernommenen Baumpatenschaften heute mit zwei neuen Bäumen an zwei Frauen erinnern kann, die mit ihrem gesellschaftspolitischen Einsatz in direkter Linie mit diesen aufrechten Demokraten standen. Für sie trifft auf ganz besondere Weise dieser Ausspruch von Albert Schweitzer zu:

Wahre Kraft mach keinen Lärm, sie ist einfach da und wirkt!“ 

Mit dem Blick auf die derzeitige Entwicklung in unserem Land schließe ich mit diesem Appell an uns alle:

Der bloße Wunsch nach einer Gesellschaft ohne Extremismus und Gewalt reicht nicht aus. Couragiertes Handeln ist notwendig:

Erinnern, wenn Andere vergessen,

hinschauen, wenn Andere wegsehen,

sich einmischen, wenn Andere schweigen,

eingreifen, wenn Andere sich wegdrehen,

unbequem sein, wenn Andere sich anpassen.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Dank an alle, die sich an der Vorbereitung und Ausrichtung dieser Veranstaltung beteiligt haben, danke an die Spenderinnen und Spender, die mich bei der Finanzierung des Projekts unterstützt haben, danke für Ihre Teilnahme.